Der Leitzins, die Sparer und die Häuslebauer

Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt a. M.

Derzeit fährt die Europäische Zentralbank (EZB) eine Geldpolitik mit historisch niedrigem Leitzins, um die Konjunktur anzukurbeln – eine Medaille mit zwei Seiten: Einerseits profitiert, wer einen Kredit aufnehmen will, von dem momentan einmalig „günstigen Geld“. Andererseits gibt es auf Sparguthaben auch nur geringe Zinssätze. Der Zusammenhang zwischen der Höhe des Leitzinses und den tatsächlichen Folgen für Anlagewillige im Besonderen bleibt oft nebulös. Ein Blick auf die Gesamtsituation lohnt sich daher.

Die EZB ist die Bank, bei der sich die Zentralbanken der einzelnen Länder innerhalb der EU ihrerseits Geld leihen. Je günstiger die Konditionen, zu denen die Zentralbanken Geld erhalten, desto billiger werden Kredite im Allgemeinen. Das ist insbesondere in Zeiten kriselnder Volkswirtschaften sinnvoll, um Anreize für Investitionen zu schaffen, die wiederum für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgen sollen. Die Schattenseite ist die erhöhte Inflationsgefahr, wenn die Geldmenge, die sich im Umlauf befindet, den Wert der tatsächlichen erwirtschafteten Güter übersteigt.  Diese Situation würde über kurz oder lang zum Absinken der Kaufkraft führen, sprich, man bekommt für sein Geld weniger.

Europäische Zentralbank

Aktuell versucht die EZB, der negativen wirtschaftlichen Entwicklung im Zuge der Krise in einigen Staaten der Eurozone entgegen zu wirken, indem sie durch ihre Niedrigzinspolitik Anreize für Investitionen schafft, die die Wirtschaft insgesamt wieder ankurbeln sollen. Die große Herausforderung sind dabei die großen strukturellen Unterschiede zwischen den Ländern innerhalb der Währungsunion, die unter einen Hut gebracht werden müssen. Während eine generelle Abwertung der Währung in Staaten mit eigener Währung bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten einen Ausweg bietet, um den Export anzukurbeln – so zum Beispiel geschehen mit der schwedischen Krone in den krisenbehafteten 70er Jahren – ist eine generelle Abwertung des Euro in der gesamten Zone der Währungsunion nicht ohne weiteres möglich.

Die EZB hat sich einstweilen laut der Ankündigung ihres Präsidenten Mario Draghi darauf verständigt, an der jetzigen Niedrigzinspolitik festzuhalten – im Gegensatz zum US-amerikanischen Pendant Fed, die vor Kurzem durch ihre Pläne, den Leitzins im Dollarraum schrittweise wieder anzuheben, heftige Turbulenzen an den Finanzmärkten ausgelöst hat. Wohlgemerkt handelte es sich dabei lediglich um eine Ankündigung, die zu tiefer Verunsicherung führte. Dies zeigt, wie prekär die wirtschaftliche Großwetterlage nach wie vor ist.

Zinschart

Zinsentwicklung der letzten 20 Jahre

Ein anhaltend niedriger Leitzins bedeutet im Klartext aber auch eingeschränkte Anlagemöglichkeiten für Sparer, da die Zinsen auf Sparguthaben unterhalb der Inflationsrate liegen und so das Geld auf dem Sparbuch de facto weniger wird. Derzeit gibt es meist nur auf sehr langfristige Sparbriefe eine etwas höhere Verzinsung, doch wer weiß schon, ob er in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht doch an sein Geld kommen möchte oder muss. Auch bei Staatsanleihen ist zurzeit nicht viel Staat zu machen. Auch hier gilt: Je länger die Laufzeiten, desto höher der Ertrag. Eine bisher recht beliebte Lösung hingegen, ein Tagesgeldkonto, das kurzfristigen Zugang zum Ersparten einräumt, wird momentan mit gerade einmal maximal ca. 1,5 % Zinsen angeboten.

Dubiose Angebote

Werden im Bereich von konservativen Anlagemöglichkeiten Gewinne versprochen, die weit über der Zweiprozentmarke liegen, ist Misstrauen angebracht. Hier kann es eigentlich nicht mit rechten Dingen zu gehen. Die Finger sollte man ebenfalls von Finanzprodukten lassen, deren Funktionsweise man nicht versteht. Die meisten Leute würden im realen Leben abseits des Finanzzirkus‘ niemals auf eine Sache wetten, die auf der Annahme basiert, dass etwas bis zu einem bestimmten Zeitpunkt an Wert verlieren wird, das es aber (noch) nicht einmal gibt. Also warum sollte man sein gutes Geld in dergleichen stecken? Natürlich sind auf diesem Sektor auch große Gewinne möglich – aber eben nicht nur. Wer hier mitmischen will, sollte das ausschließlich mit Geld tun, auf das er nicht angewiesen ist.

Vor dem Abschluss von Versicherungen für die Altersvorsorge etc. sollte man außerdem stets die Frage nach versteckten Gebühren stellen. Oft zahlt man in den ersten Jahren nur diese Gebühren ab – das eigentliche Vermögen hat sich dann aber noch um keinen Cent erhöht, obwohl man schon etliche hundert Euro überwiesen hat.

Einig sind sich Finanzexperten derzeit eigentlich nur darin, dass man seine Anlagen breit streuen sollte. Alles auf eine Karte zu setzen, kann auch zum Totalverlust führen, wie die Erfahrungen mit Marktblasen zeigt.

Leitzins

Die andere Seite: Gute Zeiten für Kreditnehmer?

Von noch nie da gewesenen Niedrigststände bei Kreditzinsen könnte man durchaus in Versuchung geführt werden, sich Geld für Anschaffungen zu borgen. An sich keine schlechte Idee, denn im Vergleich zu den Zinsständen von noch vor ein paar Jahren lässt sich viel sparen, doch auch hier gelten ein paar ungeschriebene Regeln.

Tappen Sie auf keinen Fall in die Dispofalle, denn die niedrigen Zinsen werden bei den Überziehungsgebühren in den meisten Fällen nicht weitergegeben. Schauen Sie darum vorher genau hin, wie viel Sie Ihr Dispokredit kostet. Von ca. fünf bis nahezu 20 Prozent ist alles möglich. Auf diese Weise kann der neue Flachbild-TV oder der Urlaub dann doch teurer als erwartet werden. Selbst wer das Konto nach wenigen Tagen wieder ins Plus bringt, zahlt immer noch mehr als nötig. Heben Sie sich den Dispo für wirkliche Notfälle auf, z.B. wenn die Waschmaschine das Zeitliche segnet und Sie schnell etwas Geld locker machen müssen. Warten Sie ansonsten mit Ausgaben, die nicht wirklich dringend sind, bis Sie sie sich ohne den Rückgriff auf den Dispo leisten können.

Wer einen Kredit für eine größere Anschaffung aufnehmen will, wie etwa den Ankauf von Wohneigentum, sollte sich ebenfalls die Zeit nehmen, Angebote zu vergleichen und den Markt über einige Zeit im Auge zu behalten. Achten Sie auf die Konditionen. Je länger der Zins festgeschrieben ist, desto unabhängiger bleiben Sie von Schwankungen auf den Finanzmärkten. Das birgt natürlich auch das Risiko, dass man an einen höheren Zinssatz gebunden ist, auch wenn der Leitzins nachher noch einmal nachgibt. Doch gibt es derzeit nicht mehr recht viel Spielraum nach unten, wenn man bedenkt, dass der Leitzins schon bei gerade mal einem halben Prozent angelangt ist.

Die Tilgung des aufgenommenen Kredits sollte so zügig wie möglich vorgenommen werden. Empfohlen wird hier eine Rate von ca. zwei Prozent, denn je schneller Sie tilgen, desto weniger Zinsen zahlen Sie auf den Gesamtzeitraum bezogen:

Der Betrag, der zur Rückzahlung eines Kredits aufgewendet werden muss, besteht aus zwei Komponenten: Auf der einen Seite die tatsächliche Summe, die in den Bau oder den Erwerb einer Immobilie gesteckt wird, und auf der anderen Seite die Zinsen, die von der Bank berechnet werden. Wird jeden Monat ein fester Betrag an die Bank gezahlt, verringert sich der Anteil der Zinsen an diesem, je mehr von der eigentlichen Kreditsumme bereits getilgt ist. Der Rest fließt dem Käufer indirekt wieder zu, denn ihm gehört nach abbezahltem Kredit dessen Gegenwert in Form der Immobilie – ist also nicht wirklich ein Verlust, sondern dient im Gegenteil der eigenen Vermögensbildung.

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