Biomorphe Architektur: Frei Otto

Zum Gedenken an Frei Otto (+ 9. März 2015)

 

Im Frühling dieses Jahres ist einer der wichtigsten Vertreter der biomorphen Architektur verstorben: Frei Otto, geboren 1925 in Chemnitz, ist hierzulande v. a. für seine markante Dachkonstruktion für das Münchener Olympiastadions (Baujahr 1972) bekannt. Diese ist auch gleichzeitig charakteristisch für den Stil Frei Ottos, dessen Inspiration sein Hobby Segelflug war.

Die Leichtbauweise mit gewebeüberspannten Grundkonstruktionen wirkt einerseits luftig-leicht, andererseits tun sich durch diese Bauweise auch ganz neue Formenwelten für Gebäude auf. So entsteht der Eindruck des „Biomorphen“, also des durch natürliche Kräfte Gewachsenen, das im Gegensatz zum Designten steht.

Dadurch besteht eine direkte Verwandtschaft zur Organischen Architektur. Die Biomorphe Architektur stützt sich jedoch noch viel stärker auf technische Möglichkeiten. Heutzutage werden biomorphe Gebäude hauptsächlich am Computer entworfen, was die Berechnung der statischen Voraussetzungen von Konstruktionen weitgehend ohne rechte Winkel maßgeblich vereinfacht.

 

Olympiastadion Munich Frei Otto

Zeltdachkonstruktion im Münchener Olympiastadion von unten …

München Olympiastadion Areal Frei Otto

… und von oben gesehen. Die Bauten fügen sich so in die organisch gewachsene Umgebung ein.

 

Inspiration und Grundlagen

Gewissermaßen die Grundlagenforschung haben Visionäre wie Frei Otto erarbeitet. Dieser gründete 1957 eine „Entwicklungsstätte für den Leichtbau“. Dieses Atelier war seinerseits schon ein interessanter Bau: kubisch, mit einer transparenten Außenhaut über schlanken Stahlstützen. Rollwände aus Holz und durchscheinende Schiebewände gliederten das Innere flexibel.

Sogar während seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich hatte sich Frei Otto, der 1943 sein Architekturstudium aufgenommen hatte, einen Namen als Planer gemacht. Inspiriert von der gotischen Bauweise mit leicht und aufgelockert wirkenden Konstruktionen auf seitlichen Stützpfeilern der Kathedrale von Chartres war er am Bau des Gefangenenlagers in Leichtbauweise beteiligt. Dabei darf angenommen werden, dass sich die Lageroberen weniger für die ästhetischen als die monetären Aspekten erwärmten, waren die Baukosten doch im Vergleich zu massiver Bauweise deutlich reduziert.

Aufbauend auf dieser Erfahrung, schloss Frei Otto während einer ausgedehnten Amerikareise in den 50er Jahren Bekanntschaft mit berühmten Namen wie Frank Lloyd Wright, Richard Neutra oder Mies van der Rohe etc. Diese hatten bereits eine neue Herangehensweise an die Architektur der Moderne gewagt. Wegweisende Bauwerke, die das Gebaute mit dem Natürlichen in Verbindung setzen, sind zum Beispiel das Guggenheim-Museum in New York, das mit seinem spiralförmigen Kopfbau sich dynamisch in die Höhe schraubt.

 

 

Die Möglichkeit, ohne Ecken und Kanten zu bauen, ergab sich durch die Fortentwicklung der Stahlbetonbauweise. Da Beton nicht gemauert, sondern in Schalungen gegossen wird, eröffnen sich hier diverse neue Möglichkeiten bei der Formgebung.

Frei Otto war auch ein Vorreiter auf dem Gebiet der Baubiologie. So gründete er 1961 eine interdisziplinäre Forschungsgruppe zum Thema „Biologie und Bauen“ an der TH Berlin. Darüber hinaus tauschte er sich auch mit Vertretern anderer Wissenschaftsgebiete wie Humanmedizin oder Paläontologie aus, um den Prinzipien von organischen Entstehungsprozessen auf den Grund zu gehen. Dabei fragte Frei Otto auch stets nach der Art dem Nutzungszweck des späteren Gebäudes.

Viele Entwicklungen erfolgten aus der Zusammenarbeit mit denjenigen, die sich später darin aufhalten sollten.

 

Markenzeichen der Bauten von Frei Otto

Einprägsames Stilmittel der Architektur Frei Ottos sind Zeltdachkonstruktionen. Erstmals sorgte er damit für Aufsehen, indem er den deutschen Ausstellungspavillon auf der Expo 1967 mit einer solchen Überdachung versah. Ein Stahlseilnetz trug hier eine Membrane aus Polyesterstoff mit einer PVC-Deckschicht.

Die optimale Form seiner Dächer entwickelte Otto anhand von Drahtmodellen, die in Seifenlauge getaucht wurden. Die Fläche, die die Seifenblasen zwischen den Drähten ausfüllen, entspricht der optimalen Verteilung.

 

Die Produktionspavillons der Firma Wilhahn, geplant von Frei Otto. Foto: Planungsgruppe Gestering | Knipping | de Vries

Die Produktionspavillons der Firma Wilhahn, geplant von Frei Otto. Foto: Planungsgruppe Gestering | Knipping | de Vries

 

Foto: Planungsgruppe Gestering | Knipping | de Vries

Die Produktionspavillons haben große Fensterflächen und ein hochgezogenes Dach.

 

Weitere bekannte Gebäude von Frei Otto sind zum Beispiel die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Bremen, die Multihalle in Mannheim, die Voliere im Tierpark Hellabrunn, die Wilkhahn Produktionspavillons oder ein Konferenzzentrum in Mekka (in Zusammenarbeit mit Rolf Gutbrod).

 

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