Ungewöhnliche Designs von Marlène Huissoud

Bees6

Ungewöhnliche Designs von Marlène Huissoud

Wenn das Wort „Propolis“ fällt, denken die meisten erst mal an das rein pflanzliche Wunderheilmittel, was zur Behandlung von Wunden und bakteriellen Krankheiten genutzt wird. Dieses Naturprodukt gibt es in verschiedenen Darreichungsformen – Tinkturen, Salben, Mundwässer, Lutschtabletten, Nasensprays und Kapseln. Dass man daraus noch viel mehr machen kann, beweisen uns immer mehr Wissenschaftler und auch eine Designerin.

Die französisch-englische Designerin Marlène Huissoud ist bekannt für ihre ungewöhnliche Herangehensweise an Materialien und Formen. An der Londoner Central Saint Martins School of Art and Design entwickelte sie ihr Projekt „From Insects“. In dessen Rahmen erforscht sie Insekten, angefangen bei der gewöhnlichen Honigbiene bis hin zur indischen Seidenraupe, und beschäftigt sich damit, wie ein neues Material in naher Zukunft in den Design-Prozess einfließen kann. „Ich komme aus einer Familie von Imkern, die Bienen sehe ich als Co-Partner. Ich versuche, herauszufinden, wie wir aus ihrem natürlichen ‚Abfall‘ wertvolle kunsthandwerkliche Artefakte herstellen können“, erklärt die in London ansässige Designerin.

Designerin bei der Arbeit

Ressourcen und Herstellungsprozesse  sind zunehmend industrialisiert worden und haben auf diese Weise den Massenkonsum ermöglicht. Indem Marlène Huissoud die handwerkliche Geschicklichkeit von Insekten als eine neue Herangehensweise an Design zelebriert, gibt sie uns die Möglichkeit, die Wahrnehmung von dem, was um uns herum existiert, in Frage zu stellen.

Während Wissenschaftler untersuchen, wie man Insekten für die Deckung des weltweiten Nahrungsmittelbedarfs nutzen kann, ist Huissoud primär daran interessiert, wie ihre natürlichen Verhaltensweisen zur Produktion von wertvollen handgefertigten Artefakten angewendet werden können.

Aus einem „Heilmittel“ wird ein Dekomöbelstück

In diesem Zusammenhang interessiert sie sich vornehmlich für Propolis, eine von Honigbienen hergestellte harzartige, biologisch abbaubare Masse. Die Bienen nutzen die Masse, um ihren Bienenstock vor Zugluft und Feuchtigkeit zu schützen und ihn keimfrei zu halten. Das Harz gibt es in verschiedenen Farben, die Farbgebung hängt vom Wald und den pflanzlichen Quellen ab – meistens ist das Harz braun. Das Propolis, das von Huissoud verwendet wird, ist tiefschwarz, da dieses Harz von Gummibäumen gesammelt wurde. Durch Erhitzung des schwarzen Goldes erhält Huissoud das pure Material, mit dem sie anschließend arbeiten kann. Aus dem Projekt „From Insects“ ist eine Kollektion mit schwarz glänzenden Gefäßen aus Propolis hervorgegangen, die mit Verfahren aus der Glasherstellung gefertigt wurden. „Durch seine Formgebung und die in Handarbeit definierte Oberflächenstruktur verweist das Objekt auf den pflanzlichen Ursprung“, erklärt sie.

Propolis bei der Verarbeitung

Nach langem Rumprobieren stand fest, dass es am besten ist, das Propolis genauso zu handhaben wie Glas. Nur dauert der Prozess weitaus länger, da der Schmelzpunkt viel geringer ist, als der von Glas.

Diese Gefäße erinnern nicht nur durch ihre Struktur an die pflanzliche Herkunft, sondern auch die Formgebung lässt sehr gezielt darauf schließen.

Holziges Leder

Marlène interessiert sich außerdem noch für die indische Seidenraupe und besonders für deren Kokon, der abgestreift wird, sobald sie ihre endgültige Reife erreicht und sich verwandelt hat. „Wooden Leather“ – der zweite von ihr entwickelte Werkstoff besteht aus dem Kokon der indischen Seidenraupe, welches aus einem meterlangen Faden Rohseide und dessen natürlichem Klebstoff Sericin besteht. Um den Kleber wieder zu reaktivieren, wird er mit Wasser besprüht oder erhitzt. Aus diesen Fasern macht Huissoud superfestes Papier,  welches zum Schluss mit der dunklen Propolis weiter verstärkt wird und anschließend an dünnes Leder oder Holz erinnert.

Insektenkokons

Huissoud nimmt sich viel Zeit, die Kokons händisch zu entwirren, um den meterlangen Seidenfaden zu erhalten.

Silkworms1

Das innovative Material kann vielfältig genutzt werden, soll aber vor allem in der Textilbranche Anklang finden.

Der Anfang von vielem

Huissouds Arbeit wurde in verschiedenen größeren Architektur- und Designmagazinen veröffentlicht und sie selbst wurde mehrfach nominiert und ausgezeichnet.  Unter anderem wurde sie vom Design Council zu einem der Top 70 aufsteigenden Designersternchen in Großbritannien gekürt.

Eigentlich kann man das alles als kleine Sensation sehen, denn wenn man aus Bio-Bienenharz Gefäße herstellen kann, kann man sicher irgendwann noch viel mehr aus dem Naturprodukt gewinnen. Und was Glas kann, kann die Propolis anscheinend auch. Die junge Designerin hat mit ihrem Projekt den Startschuss gegeben.

Portrait Marlène Huissoud

Fotos: Studio Marlène Huissoud
www.marlene-huissoud.com