Von der Wiese in den Topf

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Wenn auf einer Wiese in Franken eine dunkelhaarige Frau steht, umringt von einer Gruppe Wanderer, die sich Blätter in den Mund stecken und auf Wurzeln kauen, dann kann man sicher sein: Dagmar von der Grün veranstaltet gerade wieder eine ihrer beliebten Kräuterwanderungen. Von Roßtal über Zirndorf bis Veitsbronn — die Kräuterexpertin lädt Neugierige an unterschiedlichsten Standorten ein, mit ihr das frische Grün zu entdecken.

„Ich mache das, weil ich den Menschen zeigen will, was für Schätze die Natur für uns bereithält“, sagt Dagmar von der Grün. „Da draußen wächst eine unglaubliche Vielfalt an Wildpflanzen und Kräutern, die in der Küche auf verschiedenste Weise verwendet werden können.“ Die ausgebildete Heilpraktikerin und Kräuterpädagogin befindet sich mit ihrem Anliegen ganz in Einklang mit Sebastian Kneipp, der im 19. Jahrhundert nicht nur als „Wasserdoktor“, sondern auch als „Kräuterpfarrer“ bekannt wurde und die Heilkraft von über 40 Pflanzen erforschte. Eine einfache Ernährung mit „mehr von der Pflanze, weniger vom Tier“ stellt eine der fünf Säulen dar, auf denen Kneipps Gesundheitslehre basiert.

Wer mit Dagmar von der Grün durch die Natur wandert, lernt, dass Kräuter und Wildpflanzen nicht nur gesund sind, sondern auch gut schmecken. Dass sich etwa aus dem verschrienen Giersch, Urfeind aller Gartenbesitzer, eine feine Limonade machen lässt und er sich außerdem perfekt als universelles Würzkraut eignet. Dass man Wilden Dost zu feiner Kräuterbutter verarbeiten kann und Vogelbeeren zu Pralinenrohmasse. Um nicht erst von den Brennnesseln zu sprechen. „Das ist eine so tolle Pflanze!“, schwärmt von der Grün. „Sie wirkt gegen Rheuma und Blasenentzündung, ist reich an Vitaminen, funktioniert als Düngemittel und schmeckt auch noch wunderbar! Am liebsten esse ich sie direkt von der Wiese weg!“ Die Wanderer machen große Augen. Die Kräuterpädagogin zeigt ihnen, wie es geht: „Die Brennnesselblätter nach unten ausstreichen, zu einem Bällchen rollen und kneten. Das bricht die Brennhaare, und die Berührung tut gar nicht mehr weh.“

Später packt Dagmar von der Grün auf einer anderen Wiese einen kleinen Gaskocher und einen Behälter mit fertigem Pfannkuchenteig aus und schickt die Teilnehmer los, Brennnesseln zu pflücken. Die werden dann im flüssigen Teig ausgebacken. „Das schmeckt allen“, freut sich die Wanderführerin. „Manchmal koche ich auf den Wanderungen auch ein kräftiges Kräutersüppchen aus wildem Thymian, Majoran- und Nachtkerzenwurzel.“ Ab und zu sei zwar auch mal ein Teilnehmer dabei, der sich nicht traute, ein unbekanntes Blatt in den Mund zu stecken, und skeptisch das Gesicht verzieht. „Das ist dann fast immer ein Mann, der von seiner Frau mitgenommen wurde“, erzählt sie augenzwinkernd. „Aber auch der größte Skeptiker wird letztlich überzeugt. Die meisten Leute sind vom Geschmack und der Vielfalt unserer Natur total begeistert.“

Oft reicht die Zeit während einer Wanderung gar nicht aus, um alle Fragen zu beantworten. Dagmar von der Grün veranstaltet deshalb in unregelmäßigen Abständen einen Kräuterstammtisch in der Nähe ihres Wohnorts Rosstal bei Nürnberg, bei dem Interessierte zusammenkommen und sich austauschen können. „Da sind ganz junge und ganz alte Menschen dabei, was ich sehr schön finde. So wird dabei Wissen weitergereicht, das sonst vielleicht verloren gehen würde. Unsere Vorfahren haben sich ja viel mehr als wir mit Kräutern und ihren Eigenschaften beschäftigt.

Kräuter sind Dagmar von der Grüns Leben. In ihrer eigenen Küche kann sie immer auf einen Vorrat von mindestens 30 Gläschen und Dosen voller selbst gesammelter Kräuter, Samen und Wurzeln aus der Region zurückgreifen. „Beim Kochen verwende ich natürlich am liebsten ganz frisch gepflückte Kräuter, da diese das Gericht am besten geschmacklich abrunden.“ Die Expertin verarbeitet die Pflanzen aber auch kreativ zu allen möglichen Pasten und Aufstrichen, zu Kräutersalzen, Essig und Tees. Und hat damit das ganze Jahr über etwas davon.

Copyright-Vermerk Fotos: erlebe.bayern – Florian Trykowski