Wie wir wohnen, zeigt, wer wir sind

Uwe Linke Raumpsychologe Interview

Interview mit Uwe Linke, Experte für Raumpsychologie

Wussten Sie, dass zum Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden persönliche Werte und Bedürfnisse beitragen – beispielsweise nach Sicherheit und Nähe, nach festen Strukturen, Stabilität oder auch regelmäßiger Veränderung? Doch wie finde ich heraus, was mir wichtig ist und wie setze ich das in meinem Zuhause um? Mit dieser Frage beschäftigt sich der gelernte Designer und Coach Uwe Linke.

Gemeinsam mit seinen Kunden erarbeitet er Persönlichkeitskonzepte und setzt diese kreativ und individuell auf den jeweiligen Lebensraum zugeschnitten um. Sein Buch „Die Psychologie des Wohnens“ enthält Denkanstöße, wie man ein authentisches Zuhause schaffen kann – den persönlichen Wohlfühlraum. Im Interview gibt er uns einen kleinen Einblick in seine Arbeit.

Redaktion: Ein Kapitel in Ihrem Buch lautet „Entdeckungsreise im eigenen Zuhause“ – was verrät mir der Rundgang durch meine Wohnung über mich und meine vier Wände?

Uwe Linke: Mit etwas Abstand vom Täglichen, beispielweise nach einem Urlaub, kann man sein eigenes Wohnumfeld wie ein Fremder erleben. Es fällt uns leichter zu sehen, wie einladend die eigene Wohnung wirkt oder ob die Lichtsituation zum Wohlfühlen beiträgt. Vor allem fällt uns mit etwas Abstand auf, ob die Gestaltung noch zu uns passt oder eigentlich dem aktuellen Zustand entsprechend angepasst werden sollte.

Uwe Linke - Psychologie des Wohnens

 

Red.: Wie erklären Sie das Phänomen, wenn sich beim Betreten einer unbekannten Wohnung oder eines Hauses ein Gefühl von Behaglichkeit ausbreitet?

Uwe Linke: Um sich geborgen oder wohl zu fühlen, muss ein Ambiente nicht mit dem eigenen Geschmack übereinstimmen. Trotzdem spüren wir instinktiv, ob eine Einrichtung authentisch ist und durch persönliches Engagement des Bewohners gewachsen ist. Genauso kann eine fremde Wohngestaltung aber auch
abschreckend sein.

Red.: Wenn in meinem Unterbewusstsein festgelegt ist, wo und unter welchen Umständen ich mich geborgen fühle – wie finde ich dann Zugang zu meinen persönlichen Wohlfühlfaktoren?

Uwe Linke: Genau das ist meine Arbeit: Wohlfühlfaktoren bewusst machen, in Farben ausdrücken und Materialien entdecken, die dazu beitragen, sich willkommen zu fühlen. Es geht darum, auf die Intuition zurückzugreifen, innere Bilder abzurufen und in eine konkrete Raumgestaltung umzusetzen. Dabei unterstütze ich meine Kunden.

Red.: Was ist auf dem Weg zum eigenen Einrichtungsstil hilfreich?

Uwe Linke: Sich mit Materialien, Farben und Stilen auseinanderzusetzen, ist der erste Schritt. In der Psychologie nennt man das „Aneignen“, denn es geht darum, sich etwas zu eigen zu machen. Wohnstil an sich ist für mich nur ein Ausdruck der Sehnsucht: Wir versprechen uns von einem bestimmten Stil ein Stück Glück.

Red.: Wer in eine neue Wohnung oder ein Haus zieht, steht vor der Chance und gleichzeitig der Herausforderung, sein Zuhause zu gestalten. Neigt der Mensch erfahrungsgemäß dazu, Bestehendes zu übernehmen, oder verändert er den eigenen Blickwinkel und lässt Raum für Neues zu?

Uwe Linke: Beides wäre wichtig. Bestehendes zu hinterfragen und die eigenen Werte zu identifizieren und zu schätzen. Und auch bereit zu sein für Veränderungen, weil es viel Neues gibt, das wir noch nicht kennen und weil wir uns selbst auch ständig verändern. Mit 40 oder 50 Lebensjahren ist man eben nicht mehr der gleiche Mensch wie mit 25. Nach sieben Jahren ist keine Zelle im Körper mehr die gleiche – Veränderung ist also ein wichtiger und gewollter Prozess der Natur. Aber ehrlich gesagt hängen wir Deutschen tendenziell an unseren alten Ideen, auch weil uns oft der inspirierende Funke fehlt.

Red.: Warum lassen wir nach einem Umzug oftmals einen Karton monatelang unausgepackt in der Ecke stehen?

Uwe Linke: Wahrscheinlich, weil wir meinen, so vieles oder alles Alte zu brauchen. Doch oft ist es die Gewohnheit. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, sagt schon ein altes Sprichwort. Im Prinzip wäre der unausgepackte Karton schon die beste Therapie zu ersten Veränderungsschritten: Wie lange halte ich es aus, auf den Inhalt zu verzichten, oder brauche ich ihn überhaupt noch?

Uwe Linke Experte für RaumpsychologieRed.: Und warum fällt es uns oft so schwer, die letzte passende Lampe für unser neues Zuhause zu finden?

Uwe Linke: Wenn wir uns einrichten, gehen wir Kompromisse ein. Kompromisse, die der Raumsituation, dem Partner, der Familie oder dem Geldbeutel geschuldet sind. Zudem orientieren wir uns an der Vergangenheit, obwohl wir uns für die Zukunft einrichten. Die letzte Leuchte manifestiert das gewählte Konzept oder reizt uns zum Aufbruch in eine neue Entwicklung. Man steht am Scheideweg!

Danke für das Interview!

 

Über Uwe Linke
Uwe Linke ist Experte für Raumpsychologie, Autor und Speaker. Er inspiriert, exploriert und kreiert für Unternehmen, Private und Gestalter Licht-, Farb- und innenarchitektonische Raumkonzepte. Bei seiner Arbeit profitiert er von 30 Jahren Erfahrung. Mehr Infos unter http://www.uwelinke.de/.

 

Beitragsbild: shutterstock / jovana veljkovic 
Pressefotos Uwe Linke