Homestory – die Geschichte des Wohnens

Wohnhäuser

Während früher eine klare Aufteilung von Wohnungen in Zimmer, die einem bestimmten Verwendungszweck dienten, vorherrschte, setzen sich heute offene Innenraumgestaltung – etwa mit kombiniertem Koch- und Wohnbereich – immer mehr durch. Wohnformen unterliegen ganz klar einem Wandel, der einerseits von äußeren Faktoren wie technischen, sozialen und politischen Entwicklungen beeinflusst wird, andererseits auch vom vorherrschenden Zeitgeist der jeweiligen Epoche.

 

Stube-Bauernhaus
Loft-Wohnen anno dazumal: ein Raum für nahezu alle Tätigkeiten.

 

Vor der Industrialisierung und des dadurch bedingten massenhaften Zuzugs in die Städte, spielte sich das Leben hauptsächlich auf dem Lande ab. Hier wohnte man bäuerlich, die Gutsherrschaft feudal im Herrenhaus. Abgeschlossene Wohneinheiten im heutigen Sinne wie eine Wohnung mit Küche und Bad oder ein Einfamilienhaus in einer Siedlung gab es nicht. Stattdessen wohnte man – je nach Stand und Wohlstand mehr oder weniger komfortabel – meist im großen Familienverband und gegebenenfalls mit dem Gesinde unter einem Dach.

 

Wohnwelten – gestern und heute

Die „Mietskaserne“ ist dagegen eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Hier lebten Arbeiterfamilien oft in sehr spärlichen Platzverhältnissen. Nicht nur, dass es oft keine Heizmöglichkeit gab. Auch sanitäre Anlagen in der Wohnung waren damals keine Selbstverständlichkeit. Die hygienischen Verhältnisse ließen daher in den meist stark überfüllten Wohnhäusern stark zu wünschen übrig und ansteckende Krankheiten breiteten sich schnell aus. Im Gegenzug fraßen die Kosten für die Unterkunft jedoch einen Großteil der Einkünfte sofort wieder auf, so dass nicht nur das Industrieproletariat, sondern auch Angestellte mit (für damalige Verhältnisse) mittlerem Einkommen von den desaströsen Wohnzuständen betroffen waren.

 

Arbeiterwohnung-Industrialisierung
Viele Menschen, wenigen Platz: Arbeiterwohnungen um die Jahrhundertwende.

 

Erst die vielen Wohnungsbauprogramme nach dem Zweiten Weltkrieg brachten Wohnen mit modernem Komfort auf wie man ihn heute gewohnt ist. Um der allgemeinen Wohnungsnot in den zum Teil stark zerstörten Städten zu begegnen, wurden Mehrfamilienhäuser in – bedingt durch die Materialknappheit – schnörkelloser Bauweise hochgezogen. Diese Neubauwohnungen waren zwar sehr schlicht und nach heutigen Gesichtspunkten recht beengt, verfügten jedoch im Gegensatz zu Altbauten aus der Gründerzeit zumindest aber über zweckmäßige Grundrisse sowie Elektro- und Wasseranschlüsse sowie eigenes Bad und WC.

 

Laufer-Torturm-Nürnberg
Wiederaufgebaute mittelalterliche Architektur und schlichte 50er-Jahre-Bauten im direkten Vergleich.

 

Wohnküche
Endlich waren alle Räume beheizbar.

 

Hausfrau-50er-jahre
Technik hielt Einzug in die Haushaltsführung.

 

Bauten aus der Nachkriegszeit prägen bis heute das Gesicht vieler deutscher Städte, entsprechen jedoch längst nicht mehr modernen Anforderungen an Schallschutz und Wärmeschutz. Sanierung und Anpassung an heutige Wohn-Gewohnheiten stellen eine große Herausforderung dar.

 

Industrialisierter Wohnungsbau und Großwohnsiedlungen

Die „Plattenbauten“ der DDR sind berühmt-berüchtigt. Doch auch in der BRD bediente man sich ab den 70er Jahren beinahe exzessiv einer Bauweise, bei der die Einzelteile bereits vorgefertigt die Baustelle erreichen.

Bei dieser Entwicklung spielt sicherlich eine Rolle, dass der Strukturalismus in den 60er und 70er Jahren als vorherrschende geistige Strömung auszumachen ist. Bei Wikipedia ist als Definition dessen zu lesen „Die gebauten und zu bauenden Strukturen werden als Ausdruck sozialer und funktionaler Zusammenhänge begriffen. Hierbei werden bestimmte ästhetische und konfigurative Entwurfsschemata der Multiplikation von Modulen und geometrischen Grundformen angewendet.“

Durch das „Baukastensystem“ der Fertigteile versuchte man, die Baukosten zu senken und die Bauzeiten zu verkürzen. In Zeiten vor dem Ölpreisschock verzichtete man jedoch noch auf Wärmedämmung, was sich später als Nachteil erwies. Eine individuelle Grundrissgestaltung war bedingt durch die industrielle Produktionsweise ebenfalls nicht möglich. In den Großwohnsiedlungen, die bald die Ballungsgebiete prägten, herrschte also nicht nur äußerlich, sondern auch in den jeweiligen Wohnungen eine gewisse Uniformität.

 

Heruntergekommener-Altbau
Unsanierte Altbauten: Mietskasernen ohne jeden modernen Komfort.

 

Plattenbauten
Plattenbausiedlungen am Stadtrand von Dresden. Im Vordergrund das Gebäude des Bundesverwaltungsgerichts.

 

Platte-Ostberlin
Plattenbauten in Ostberlin.

 

 

Teilweise waren die Wohnungen und demzufolge auch ihre einzelnen Zimmer für heutiges Empfinden geradezu winzig ausgelegt. Zum Vergleich: die durchschnittliche Wohnfläche pro Person ist von 1970 von ca. 22 m² auf mittlerweile ca. 45 m². Im Gegensatz zu den beengten Platzverhältnissen wirkten viele Möbel aus dieser Zeit unverhältnismäßig wuchtig, wie etwa die allseits bekannten rustikalen Wohnwände aus dunklen Hölzern. Tapeten und Teppiche mit ins Bräunliche spielenden großflächigen Mustern trugen ihr übriges dazu bei, dass die Interieurs aus dieser Zeit nach heutigem Geschmack insgesamt viel zu dunkel erscheinen.

 

70er-Jahre-Wohnzimmer
Wohnen in den 70er Jahren stellt man sich bunt vor.

 

80er-Jahre-Einrichtung
Viele Interieurs waren jedoch für heutige Verhältnisse viel zu dunkel und klobig.

 

Dennoch waren die Wohnungen in den Großwohnsiedlungen bei Familien aus dem Mittelstand begehrt. Die Altbauten in den Stadtzentren mit ihrer mangelhaften Ausstattung wurden von wirtschaftlich schlechter gestellten bewohnt. In den 70er Jahren setzte außerdem die „Stadtflucht“ ein: wer konnte, entfernte sich aus den als unwirtlich empfundenen Städten und zog in Einfamilien- oder Reihenhaussiedlungen auf dem Lande. Diese standen in ihrer Uniformität den Großwohnsiedlungen nur wenig nach. Die Stadt als Lebensraum musste im Allgemeinen große Abstriche beim Image hinnehmen.

 

Suburbia Einfamilienhaussiedlung
Monotone Vorstädte mit Einfamilienhaussiedlungen.

 

Neues Wohnen in den 80er Jahren

In den 80er Jahren wandte man sich wieder vom allzu nüchternen Funktionalismus ab. Außerdem kamen, bedingt durch die neue Energieeinspar-Gesetzgebung in der BRD, neue technische Anforderungen auf die Baubranche zu. Bauteile und Haustechnik mussten nun strengere Auflagen erfüllen. Hinterlüftete Fassaden sind ein typisches Element dieser Zeit. Dennoch sind Wärme- und Schallschutz nach heutigen Gesichtspunkten nur mittelmäßig.

Die architektonische Formensprache wurde in der postmodernen, dekonstruktivistischen Ära wieder üppiger. Monotonie sollte nicht nur in der Form, sondern auch in den verwendeten Materialien vermieden werden. Stein, Metall und Holz wurden miteinander kombiniert, Glasflächen in die Fassaden integriert.

 

80er-Jahre Wohnhaus.
Aus heutiger Sicht wirkt dieses Wohnhaus aus den 80er Jahren mit seinem massigen dunklen Dach nicht sehr einladenend.

 

In den Innenräumen blieb man dem Schema der Zimmereinteilung für Familien mit Kindern verhaftet, mit einem größeren Elternschlafzimmer und kleinen Kinderzimmern nebst einem gemeinsamen Wohnbereich und kompakter Küche. Daneben begannen sich allerdings auch alternative Wohnformen langsam in der Planung zu manifestieren. Grundrisse wurden zum Beispiel etwa an Wohngemeinschaften oder Alleinerziehende angepasst.

 

Die 90er Jahre: zwischen Aufbruchsstimmung und Altlasten

In der Nachwendezeit der 90er herrschte Optimismus, die Baubranche boomte. Das spiegelte sich auch in der Architektur von Wohnhäusern wieder. Es wurde großzügig, hell und freundlich gebaut. Licht in den Innenräumen wurde zum eigenständigen Gestaltungsmerkmal. Wintergärten erfreuten sich daher großer Beliebtheit, helles Holz wurde im großen Stil verbaut, Landhaus- und Toskanastil waren angesagt. Energieeffizientes Bauen spielte eine zunehmende Rolle, viele Dächer wurden mit Solarmodulen bestückt.

 

90er-Jahre
In den 90ern bevorzugte man verglaste Giebel und helles Holz.

 

Im Jahrzehnt der Flexibilisierung wurden günstige, aber schicke Möbel, die man leicht selbst auf- und abbauen kann, salonfähig. Gemütlichkeit und Modernität wurden durch die Kombination von Holz und Chrom in Verbindung zueinander gesetzt. Klare Linien, geometrische Formen und starke Primärfarben – besonders beliebt war die Kombination von Blau und Gelb – spielten in den 90ern eine prominente Rolle.

Gleichzeitig stellten nach der Wiedervereinigung die Plattenbausiedlungen im Osten mit ihrem oft großen Sanierungsstau eine Herausforderung dar. Dass viele Bewohner gen Westen aufbrachen und deren Wohnungen verweist leer standen, machte die Wohnblöcke nicht eben attraktiver. Während der Altbau im Stadtzentrum als schick wiederentdeckt und saniert wurde, zogen in die Plattenbauten am Stadtrand Spätaussiedler bzw. Einwanderer aus Osteuropa, was zu einer Entmischung der Bevölkerungsgruppen führte.

 

Die „Nuller Jahre“ bis heute

Zu Anfang des Jahrtausends erhielt der allgemeine Optimismus durch Ereignisse wie das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und die Anschläge vom 11. September 2001 einen Rückschlag. Hinzu kommt der relativ hohe Leitzins, v.a. in der zweiten Hälfte der Nuller Jahre, der Immobilienkredite verteuerte. Gebaut wurde daher relativ wenig. Die großen städtischen Infrastruktur- und Wohnbauten der 70er und 80er Jahre kamen in die Jahre und wurden als zunehmend unattraktiv bewertet. Der Traum vom Häuschen im Grünen trieb die Zersiedlung der Landschaft um die großen Städte herum voran und brachte eigene Probleme wie Flächenverbrauch, Verkehrsstaus durch die Pendlerströme und die damit einhergehende Umweltbelastung auf.

Dieser Trend hat sich jedoch seit einigen Jahren umgekehrt. Die Stadt als Lebensraum wurde und wird von diversen Alters- und Einkommensgruppen neu entdeckt. Die Reurbanisierung als Gegenbewegung zur Suburbanisierung bestimmt heute das Geschehen. Das hat auch Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt und Wohnformen.

Gleichzeitig ist der sogenannte Demographische Wandel ein Faktor, der sich auf die Zukunft des Wohnens auswirken wird. Heute schon an morgen denken, ist beim Wohnungsbau daher die Devise. Neubauprojekte müssen daher so geplant werden, dass sie sich den unterschiedlichen Lebensphasen anpassen lassen.

Allerdings ist nicht nur altersgerechtes Wohnen gefragt, denn die Zusammensetzung der Stadtbevölkerung wird immer heterogener. Wohnbedürfnisse und Wünsche sind daher divers. Auch was Flexibilität angeht: die schnellebige Arbeitswelt verlangt von Angestellten heute oft räumliche Mobilität. Es kommt zur Multilokalität, da Menschen zwei oder mehrere Wohnsitze an verschiedenen Orten unterhalten. Das befeuert gerade die Nachfrage nach kleineren Wohneinheiten, um die jedoch auch Studenten, Singles etc. konkurrieren.

 

Workaholic
Der Arbeitsplatz ist immer dabei: das moderne Berufsleben verlangt flexible Wohnformen.

 

Voll ausgestattete Microapartments mit Concierge-Service sind bei „Berufsnomanden“ gefragt. Doch ebenso wie die großen Vorortsiedlungen früherer Zeiten, haben Apartmentblocks den Nachteil, dass sie einem lebendigen Stadtleben und einem Zusammengehörigkeitsgefühl im Viertel eher entgegenwirken, da die Menschen de facto nur zum Schlafen und Essen „zu Hause“ sind.

Schwierigkeiten und Herausforderungen

Die geringe Bauaktivität und die Veräußerung von früheren Sozialwohnungen an institutionelle Anleger tragen heute dazu bei, dass in einigen Großstädten das Angebot, v.a. an bezahlbarem Wohnraum, die Nachfrage deutlich unterschreitet. Negative Folgen sind zum einen immense Preissteigerungen in allen Segmenten, zum anderen gezielte Desinvestition in den Bestand.

Stadtverantwortliche stehen vor der Aufgabe, die Reurbanisierungstendenzen nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ zu behandeln. Für eine ausgeglichene Stadtgesellschaft, Wohnraum für alle und eine soziale Durchmischung zu sorgen. Ein Umbau der autofreundlichen Innenstädte der 50er und 60er Jahre ist ebenfalls eines der Zukunftsziele.

Vertreter der „New Urbanism“-Bewegung legen einige feste Kriterien für lebenswerte Innenstädte an. Beispielsweise sollen die (meisten) Anlaufstellen des täglichen Lebens innerhalb von zehn Minuten zu Fuß erreichbar sein. Dazu bedarf es einerseits eines gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs, andererseits breiter Geh- und Radwege.

Fahrradparkplatz
Die Stadt er-fahren: Mit dem Fahrrad sollte man fix alle Ziele erreichen.

 

Wohnen, Arbeiten und Gewerbe sowie Grünflächen sollen einen ausgewogenen Mix eingehen und auch die Bevölkerungsstruktur soll sich durchmischen. Der öffentliche Raum ist nicht nur unbebauter Platz zwischen Gebäuden, sondern soll durch ansprechende Architektur und Umweltgestaltung zu einem Raum werden, in dem sich Menschen wohl fühlen können.

Es gibt – neben den großen Städten mit ihrem rasanten Bevölkerungszuwachs aber auch viele Orte in Deutschland, die von einem Schrumpfen der Bevölkerung betroffen sind. Dies sind meist kleinere oder mittlere Städte im infrastrukturschwachen ländlichen Raum. Neben leerstehenden Wohnungen sind kleinere Ladeneinheiten problematisch. Oft findet sich kein Nachfolger fürs Geschäft bzw. ein Nachmieter, weil die Konkurrenz durch große Lebensmitteldiscounter mit entsprechender Verkaufsfläche und Einkaufszentren „auf der grünen Wiese“ zu groß ist. So gähnen die wenigen Passanten mancherorts überwiegend leere Schaufenster an.

Hier gilt es, Leerstand zu vermeiden bzw. Konzepte zu entwickeln, die Ortskerne trotz allem lebendig zu erhalten.

 

SCHULTHEISS Wohnbau Blog