THINK GREEN: Was ist Nachhaltigkeit im Wohnungsbau?

Nachhaltigkeit ist ein viel strapazierbarer Begriff. Deshalb stellt sich zunächst eine einfache Frage: Was ist nachhaltiges Bauen überhaupt? So viel sei vorweggenommen: Nachhaltigkeit in puncto Bau steht für ein multidimensionales System, das mehr als nur die Verwendung von Holz oder anderen nachwachsenden Rohstoffen umfasst. Die Grundlage ist ein ganzheitliches Verständnis, das Umwelt, Wirtschaftlichkeit und soziale Aspekte gleichermaßen miteinbezieht.

Auf der Umwelt-Konferenz Entwicklung in Rio de Janeiro 1992, die als Meilenstein in der internationalen Umweltpolitik gilt, wurden drei Begriffe geprägt, die auch als „Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit“ bezeichnet werden: Die ökologische, die ökonomische und die soziale Nachhaltigkeit. Dieser ganzheitliche Ansatz hat sich in vielen Wirtschaftsbereichen etabliert. Die Grundidee lässt sich auch auf den Bau übertragen.
Um Nachhaltigkeit zu erfüllen, müssen also drei Standbeine betrachtet werden: Die Ökonomie bezieht sich darauf, dass wir Gebäude wirtschaftlich sinnvoll und über ihren gesamten Lebenszyklus betrachten. Die Ökologie beschreibt den weitsichtigen und rücksichtsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Im Fokus des Sozialen stehen insbesondere die Qualitäten für den Menschen wie Komfort, Gesundheit oder wohnliche Flexibilität aber auch faire und humane Arbeitsbedingungen.

 

 

 

 

 

Nachwachsende Rohstoffe und das Zauberwort „Holzhybrid“

Und schon sind wir mittendrin in der Komplexität. Konzentriert man sich zunächst auf ökologische Aspekte, hängen die nachhaltigen Qualitäten eines Gebäudes unmittelbar von den Eigenschaften der verwendeten Materialien ab. Angesichts seiner vorbildlichen Öko-Bilanz erlebt vor allen Dingen der Baustoff Holz einen weltweiten Boom. Dabei hat Holzbau wenig mit der gerne assoziierten Fachwerk-Romantik zu tun, vielmehr kommen in der Praxis hochqualitative System-Fertigteile zum Einsatz, sodass sich rein äußerlich die Gebäude, wenn dann nur gewollt, von Häusern in Massivbauweise unterscheiden. Das funktioniert schon heute in erstaunlichen Dimensionen: In der Hamburger Hafencity entsteht derzeit das höchste Holzhaus Deutschlands. Für das 19-stöckige Holzhochhaus „Roots“ werden rund 5.500 m³ Nadelholz für die Konstruktion, zuzüglich Fassaden, Fenster und Beläge verbaut.

© Garbe Immobilien-Projekte

 

„Holz-Hybrid-Systembau“ nennt sich in diesem Zusammenhang ein anderes Zauberwort, das die besten Eigenschaften von Holz und Stahlbeton verbindet. Modulare ermöglicht einen hohen Vorfertigungsgrad und kurze Montagezeiten. Doch ist alles, was mit Holz zu tun hat, automatisch auch immer gleich der Goldstandard? Hier lohnt sich die Einzelfallbetrachtung. Sie zeigt, dass auch Massiv- oder Stahlbetongebäude gute Ergebnisse erreichen können und ein Holzhybrid-Gebäude in der Lebenszyklusbetrachtung nicht per se besser ist als jeder Massiv- oder Stahlbetonbau.
Auch nachwachsende Dämmmaterialien spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Das Angebot und ihr Anwendungsspektrum steigen stetig. Aber wie sieht es mit dem Brandschutz aus? Wie effektiv sind nachwachsende Dämmstoffe, wenn es um Feuchte-, Wärme- und Schallschutz geht? Die Eigenschaften der verwendeten Materialien in Sachen Nachhaltigkeit konkurrieren zumeist mit zahlreichen anderen Zielstellungen. Die fundierte Beurteilung und Auswahl von Baustoffen führt also schnell zum Kern des nachhaltigen Bauens und auch im Rahmen der Lebenszyklusanalyse ist die Nutzungsdauer von Bauteilen ganz entscheidend.

Die Lebenszyklusbetrachtung als Grundlage des nachhaltigen Bauens

Doch was ist mit Lebenszyklus eines Gebäudes eigentlich gemeint? Vereinfacht dargestellt, besteht dieser aus vier Phasen: der Planung, der Realisierung, der Nutzung und dem Rückbau. Betrachtet man den Energie- und CO2-Fußabdruckes eines Gebäudes über dessen gesamten Lebenszyklus, ist nicht die Errichtung, sondern die Nutzungszeit der Bereich, in dem die meisten CO2-Emission anfallen. Beim Neubau liegt der Schlüssel für mehr Nachhaltigkeit deshalb schon in der frühen Planungsphase. Hier werden die Weichen für die spätere Instandhaltung bis hin zum ressourceneffizienten Betrieb gestellt. Sei dies eine Regenwassernutzungsanlage oder ein voll vernetztes „Smart Home“, die Möglichkeiten sind zahllos. Ein wichtiges Werkzeug ist in diesem Kontext auch das Building Information Modeling (BIM), das schon im Voraus alle Phasen im Lebenszyklus eines Bauwerks in digitalen Modellen abbilden kann.

 

 

 

 

Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Bauen

Um nachhaltiges Bauen praktisch anwendbar, messbar und damit vergleichbar zu machen, gibt es bereits seit einigen Jahren unterschiedliche Zertifizierungssysteme, die Anforderungen an Bauobjekte definieren und eine Nachhaltigkeitsbewertung ermöglichen.
Beispielsweise wurde das sogenannte BNK-System in einer dreijährigen Entwicklungszeit im Rahmen von zwei Forschungsvorhaben erstellt. Das Ergebnis waren 19 objektive Bewertungskriterien speziell für die nachhaltige Qualität von Ein- bis Fünffamilienhäusern – basierend auf dem Drei-Säulen-Modell. Das in Deutschland vermutlich bekannteste Siegel ist das der DGNB, der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen. Dieses geht sogar über das Drei-Säulen-Modell hinaus und betrachtet durchgängig alle wesentlichen Aspekte des nachhaltigen Bauens. Die auf dem gesamten Lebenszyklus basierenden Bewertungskriterien nehmen eine Querschnittsfunktion ein und werden unterschiedlich stark gewichtet. Als Nachweis vergibt die DGNB je nach Erfüllungsgrad Zertifikate in Platin, Gold oder Silber.

Nachhaltigkeitsaspekte bei der Gebäudeförderung

Mit dem Ziel vor Augen, beim Bauen und Sanieren intensivere Anreize für Nachhaltigkeit zu setzen, hat zuletzt noch die alte Bundesregierung die energetische Gebäudeförderung des Bundes neu aufgestellt. Mit der Einführung der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) zum 1. Juli 2021 wurden erstmals auch Nachhaltigkeitsaspekte durch eine eigene NH-Klasse Gegenstand der Förderung. Ein Effizienzhaus erreicht bisher in der BEG die NH-Klasse – und damit eine höhere Förderquote –, wenn die Nachhaltigkeit des Gebäudes durch das staatliche „Qualitätssiegel nachhaltiges Gebäude“ (QNG) bestätigt wird. Das QNG baut dabei auf den bereits existierenden Bewertungssystemen auf und bezieht neben deren Ergebnissen noch weitere Einzelaspekte mit ein.

 

Förderprogramm „Klimafreundliches Bauen“ ab 2023

Anfang des Jahres kam wegen ausgereizten Budgets dann das überraschende Ende der BEG-Förderung: Die Ampel stoppte die KfW-Förderung für energieeffiziente Gebäude vorerst und kündigte zeitgleich an, die Förderung und die gesetzlichen Standards für den Neubau neu zu ordnen. Die Nachricht sorgte bei vielen Hausbauern für reichlich Unmut, denn eigentlich hätten Eigentümer noch bis Ende Januar den Antrag für die Neubauförderung des sogenannten Effizienzhauses 55 (EH55) einreichen dürfen.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck verteidigte den plötzlichen Stopp. Man habe sich erst mal eine Atempause verschaffen müssen, die Vorgängerregierung habe mit der EH55-Förderung zu lange auf einen Standard mit zu geringen ökologischen Effekten
gesetzt.

Wie geht es nun weiter? Im Februar stellte die Bundesregierung neue BEG-Fördermittel in Höhe von rund 9,5 Milliarden Euro bereit. Das Geld soll sowohl für die Abarbeitung der bis vor dem 24. Januar gestellten Altanträge als auch für die Wiederaufnahme der
Sanierungsförderung genutzt werden. Die EH40-Förderung von Neubauten wird ebenfalls fortgeführt, allerdings zeitlich befristet und auf eine Milliarde Euro gedeckelt. Seit Ende Februar können wieder Neuanträge bei der KfW gestellt werden. Details zu Fristen
und Anträgen finden sich unter www.kfw.de.

Zeitgleich erarbeitet die neue Bundesregierung das Programm „Klimafreundliches Bauen“ als Nachfolge der EH55- und EH40-Neubauförderung. Ein neues Nachhaltigkeits-Zertifikat soll dabei der Maßstab für die künftigen Programme sein. Neben den Treibhausgasemissionen pro m² Wohnfläche soll dann auch die Nachhaltigkeit des verwendeten Baumaterials über den gesamten Lebenszyklus der Immobilie sowie der CO²-Fußabdruck der verwendeten Materialien und Verfahren berücksichtigt werden.